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Kurzgeschichte "Tödliches Licht"

 




Der Pfad am Wasserfall

Er war mir schon seit geraumer Zeit aufgefallen, wie er - nur mit einem löchrigen T`shirt und schwarzen Shorts bekleidet - über die Steine am Fluss sprang. Auch er beäugte uns immer wieder und drehte seine Kreise um uns und die riesigen Felsbrocken, die unseren improvisierten Picknickplatz vom gierigen Abgrund des Wasserfalls trennten. Außer uns waren noch einige wenige Wanderer zum Wasserfall des roten Flusses aufgestiegen - un­terwegs auf den Spuren der heißen Quellen von La Réunion, den so genannten vasques d’eau chaude. Seltsamerweise schien sich der junge Mann mit dem einheimischen Teint nur für uns zu interessieren. Während ich genüsslich an einem Stück Obst knabberte, flüsterte ich meinem sich in der Sonne aalenden Mann beunruhigt zu:

„Schatz, ich habe den Eindruck, dass der junge Mann etwas von uns will.“ „Marlene, was soll er denn von uns wollen – vielleicht gefällst du ihm mit deiner blon­den Lockenpracht.“

Ich war nicht sonderlich überzeugt von der Aussage meines Mannes, der nur ungestört alle Viere von sich strecken wollte, versuchte aber, mich zum wiederholten Male auf meinen französischen Wanderführer zu konzentrieren. Gleichzeitig behielt ich den jungen Wanderer so gut es ging in meinem Blickwinkel. Hier saßen wir also nun, mitten in der fruchtbaren Wildnis dieser kleinen französischen Insel am Fuße Afrikas und bestaunten die gewaltigen Schauspiele der Natur, derer es hier viele gab:An einem Tag waren wir bereits im Morgengrauen auf den höchsten Gipfel der Insel geklet­tert, nur um bei Sonnenaufgang mit bibbernden Knien einen Kaffee aus unserer Thermos­kanne zu schlürfen und die ersten Strahlen der Sonne auf den Piton des Neiges fallen zu se­hen.Den noch vor drei Wochen aktiven Vulkan hatten wir umrundet, um die Einsamkeit und Einöde einer seltsam anmutenden Mondlandschaft zu genießen und den Geruch der noch dampfenden Lavafelder in uns aufzunehmen.Unser Weg hatte uns zu dem Trou de Fer, dem Höllenloch geführt, wo der satte Regenwald in einem gigantischen Loch aus tosendem Was­ser verschwand.

Heute wollten wir unsere Augen von Superlativen entspannen und unternah­men diese kleine Tour zu einem eher unspektakulären Wasserfall in der Nähe des Bergdorfes Cilaos, wo wir unser Nachtquartier bezogen hatten. Im Bergführer war zu lesen, dass im Flusslauf, der die Cascade speiste, vulkanisch aufgewärmte kleine Wasserlöcher mit­ten im kalten Strom zu finden wären. Mein Blick wanderte suchend in die nach oben führende enge Schlucht aus der sich der Fluss ins Tal schlängelte.

„Suchst du die vasques d’eu chaude?“, riss mich plötzlich eine Stimme in reunionesisch ge­prägtem Französisch aus meinen Gedanken. Erschrocken starrte ich in das Gesicht des jungen Mannes mit dem löchrigen T'shirt und dem wasser-blauen Rucksack, der wie ein leerer Sack an seinem T’Shirt hing. Ich antwortete ihm mit meinem besten Schulfranzösisch und erntete ein strahlendes Lächeln seines desaströsen Gebisses.

„Je m’appelle Philippe.“, stellte er sich mir vor und trotz meines unruhigen Gefühls, war er mir irgendwie sympathisch. Ich freute mich, dass die Verständigung so problemlos klappte und er schien sichtlich erleichtert, sich nicht mit Englisch durchkämpfen zu müssen.Doch ein leichter Schauer oder vielleicht auch nur ein gewisses Unverständnis, dass er mich einfach so ansprach, blieb mir im Nacken haften und arbeitete sich nach und nach die aufgestellten Nackenhaare entlang nach oben.

„Soll ich dir die heißen Quellen zeigen?“, war seine unschuldige Frage. Als ich mich Hilfe suchend zu meinem Mann umdrehte und erstaunt feststellte, dass ich alleine war, blieb mir nicht anderes übrig, als mich weiter mit Philippe zu unterhalten.

„Es ist gefährlich in der Schlucht, man sollte sich nicht alleine auf den Weg machen.“, lä­chelte er mich an. Natürlich wollte ich das ungewöhnliche Naturschauspiel sehen und erleben. Nicht umsonst hatte ich mir vorausschauend bereits den Bikini unter meine Wanderkluft an­gezogen.

„Wie lange dauert es, bis wir zu den Quellen kommen?“, gab ich deshalb mein Interesse kund.

„Sie sind überall. Wir können 5 oder 30 min gehen. Aber du wirst sie alleine nicht finden.“

Wieder verspürte ich dieses unheimliche Kribbeln, für das ich keine Erklärung fand und deshalb beschloss, es zu ignorieren. Endlich gesellte sich auch mein Mann wieder zu uns, der kein Wort Französisch sprach und ich somit Philippes Angebot übersetzte.

„Ja, das wäre cool“, meinte mein Mann sofort, „Was möchte er dafür haben?“. Typisch, dass ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht hatte, aber nachdem ich mit Philippe bereits eine an­geregte Diskussion über die Lebensverhältnisse auf La Réunion im Vergleich zum französi­schen Festland geführt hatte, wollte ich derartige Banalitäten nicht mehr zur Sprache bringen.

„Er möchte die Quellen sowieso sehen und bietet uns nur an, ihn zu begleiten“, log ich des­halb, da ich mich auf die Sprachunkenntnisse meines Mannes verlassen konnte.

„Cool!“, war wiederum der einzige Kommentar meines Mannes. Also zogen wir los, immer hinter Philippe her, der wie ein junger Hund über Steinbrocken sprang und geschickt den schmalen Flusslauf mehrmals über Trittsteine querte.

Ich konzentrierte mich mehr auf sein Gespräch, dem ich zu folgen suchte und in fehlerfreiem Französisch antworten wollte. So merkte ich kaum, wie wir an Höhe gewannen und schließlich die anderen einsamen Wanderer hinter uns ließen. Mehr­mals wies uns Philippe auf einige gefährliche Stellen hin, die öfters von Steinschlag und Erd­rutschen heimgesucht wurden. Mit schnellen Schritten durchquerten wir diese Gebiete oder versuchten sie zu umrunden. Hin und wieder übersetzte ich meinem Mann unser Gespräch, doch er wurde von Meter zu Meter immer stiller und ein Blick nach hinten verriet mir, dass es ihm langsam nicht mehr geheuer war.

„Wo sind denn nun diese warmen Quellen?“, fragte er mich ungeduldig und das Flackern in seinen Augen war nicht nur ein Zeichen der ansteigenden Hitze. Philippe zeigte uns daraufhin mehrere Stellen, die normalerweise mit warmem Quellwasser gefüllt waren, doch jetzt konnte man nur die Hand in eine warme Pfütze halten. Es hatte zu lange nicht mehr richtig geregnet, erklärte uns unser selbsternannter Führer.Schließlich kamen wir am Ende der Schlucht an, wo uns ein weiterer Wasserfall den Weg nach oben versperrte. Der Blick zurück war fantastisch! Die Sprache verschlug es uns aber erst, als Philippe uns fragte, ob es uns stören würde, wenn er hier ein Bad nähme.

„Non, pas du tout, überhaupt nicht.“, rief ich ihm fröhlich zu und überlegte gerade, ob ich mich auch meiner lästigen Wanderklamotten entledigen sollte. Doch dann hatte ich - mitten in meinen Gedanken unterbrochen - Mühe meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten. Nach wenigen Sekunden stand Philippe splitternackt vor uns und unser Blick fiel unwillkürlich auf sein übermächtiges Geschlecht, das seinen ganzen Körper einzu­nehmen schien. Nur mit Mühe konnte ich meine Augen und Gedanken in eine andere Rich­tung lenken.

„Kommt doch auch rein, es ist wunderschön!“, rief Philippe, der seinen nahtlos braunen Körper ins kühle Nass getaucht hatte. Doch auf einmal war ich ziemlich gehemmt, wollte weder mit meinem Bikini prüde wirken, noch mich im Evakostüm im gleichen Nass wie Philippe aufhalten. Meinem Mann ging es nicht anders; er traute sich noch nicht einmal, einen Knopf seines Hemdes zu öffnen.

„Mensch, hast du das gesehen?“, flüsterte er mir zu.

„Na, das war ja wohl kaum zu übersehen.“, wisperte ich zurück und hielt anstandshalber mei­nen großen Zeh ins Wasser.

„Viel zu kalt“, rief ich Philippe zu und spielte das Mimöschen. Als Philippe dann seinen nassen Körper dem warmen Sonnenlicht aussetzte, um sich der vie­len winzigen Wassertröpfchen zu entledigen, fragte ich mich zum wiederholten Male, wieso er uns hierher mitgenommen hatte.Nach einigen Minuten, die mir wie eine lange Ewigkeit vorkamen, schlüpfte er endlich wieder in seine Hose, mein Mann schluckte seine Hemmun­gen hinunter und wir versuchten, wieder in ein unverfängliches Gespräch zu kommen.

„Die Leute im Dorf mögen keine Nudisten.“, fing Philippe plötzlich an.

„Oh, wir haben damit kein Problem.“, .log ich und überlegte, ob er uns jetzt prüfen wollte.

„Nein, überhaupt nicht!“, pflichtete mir mein Mann bei, und gab mir zu verstehen, dass er zurück wolle.

Als ich Philippe unseren Wunsch kundtat, hatte er – seiner Meinung nach – eine viel bessere Idee.

„Seid ihr fit im Klettern? Dann kann ich euch einen anderen Weg zeigen. So könnt ihr einen Rundweg zurück nach Cilaos machen“ –

„Wo willst du hin?“, fragte ich, denn ich sah nur den Wasserfall und einen bewaldeten Steilhang vor und die Schlucht hinter uns.

„Ich kenne einen Pfad durch den Wald; man kann ihn aber nicht alleine finden. Ihr müsst mir voll und ganz vertrauen.“ Fragend blickte ich meinen Mann an, der aber nur noch an Philippes Hose denken konnte.

„Wenn er uns ausrauben wollte, hätte er dies schon hier machen können. Also lass uns die Sache hinter uns bringen.“, meinte er schließlich.

Mein Bauchgefühl, auf das ich mich sonst immer verlassen konnte, hing mir in den Knien und die brennende afrikanische Hitze tat ihr übriges. Also verscheuchte ich alle warnenden Gedanken und übersetzte Phi­lippe, dass wir gerne mit ihm zum Wasserfall hochklettern würden. Ich wusste nicht, wie sehr ich diesen Entschluss noch bereuen sollte.

Kaum waren wir einige Meter hinter Philippe in den Wald getreten, war mir völlig klar, dass wir ihm hier hilflos ausgeliefert sein würden. Von einem vermeintlichen Pfad war überhaupt nichts zu sehen. Die Steilwand tat sich vor uns in unüberwindbarer Stärke auf und wir muss­ten jeden Schritt auf Anweisung von Philippe machen unter Zuhilfenahme von Zweigen, Steinbrocken und manchmal auch seiner rettenden Hand.Schon nach wenigen Minuten waren wir im undurchdringbaren Gewirr des Waldes gefangen.

„Es ist schon eine Herausforderung, zum Wasserfall hochzuklettern.“, gab uns Philippe zu verstehen.

Doch die eigentliche Heraus­forderung kam erst.Und sie kam so erschreckend und unerwartet, dass ich mitten im Schritt wie versteinert stehen blieb und mein Mann von hinten schimpfend auf mich knallte.

„Was ist denn jetzt los?“, brummte er, aber mir blieb die Sprache weg und so konnte ich mich nur zur Seite neigen, um ihm den Blick freizugeben. Keine 30 cm vor mir hing eine riesengroße gelb-schwarze Spinne von mindestens 15 cm Durchmesser mit haa­rig-dicken schwarzen Beinen in ihrem Netz und schien nur darauf zu waren, mich anzugrei­fen.Auch Philippe war meine Verzögerung aufgefallen und als er den Grund sah, lachte er nur:

„Keine Angst, die sind nicht giftig. Wenn die Sonne am höchsten Stand ist, kommen sie gerne heraus und spannen ihre Netze in die Gipfel der Büsche.“

Mir war es völlig egal, ob das Exemplar vor mir giftig war oder nicht. Tatsache war, dass ich keinen Schritt weitergehen konnte, denn das würde bedeuten, dass ich mich bücken, unter ihrem enormen Netz durchkriechen und mich auf diese Weise ihr voll und ganz ausliefern musste. Irritiert war ich allerdings von der Tatsache, dass Philippe in der MEHRZAHL sprach und so warf ich einige schüchterne Blicke nach links und rechts. Jetzt verschlug es mir erst recht den Atem und innerhalb einer Zehntelsekunde wich mir jegliche Farbe aus dem Gesicht.Wenn man sich an das Dunkel des Waldes etwas gewöhnt hatte, sah man über­all, in allen Richtungen, recht und links, vor, hinter und über uns die leuchten-gelben Körper der Riesenspinnen. Wir waren umzingelt von diesen Monstern und ihre Netze von bis zu ei­nem Meter Durchmesser warteten nur auf fette Beute. Kalter Schweiß rann meinen Nacken hinunter und ich spürte, wie meine Knie versagen wollten. Einzig und allein der erschre­ckende Gedanke, hier mitten im Steilhang zwischen Tausenden von Riesenspinnen ohnmäch­tig zu werden, gab mir ein letztes Fünkchen Lebenswille zurück.

Selbst meinem Mann, der sonst immer sehr interessiert die krabbelnde und fliegende Kleintierwelt betrachtete, war die­se Masse an Riesenexemplaren zuviel. Ich sah ihm an, dass er sich alles andere als wohl fühlte, auch wenn er dies vor Philippe niemals zugeben würde. Ich dagegen, gab offen zu, dass ich eine Spinnenphobie hatte und hoffte, dass ich damit auf Philippes Verständnis stoßen würde. Aber er hatte keineswegs vor, umzukehren.Also stolperte ich ihm hinterher, presste meine Arme dicht an meinen Körper und versuchte, beim Klettern möglichst meine Beine, Philippe und die krabbelnden Vielbeiner um uns herum im Blickfeld zu halten. Eine wirkliche Herausforderung! Meine größte Panik bestand darin, mich nicht im Netz einer der Riesen­spinnen zu verfangen oder plötzlich ein Gekrabbel im Nacken zu spüren.Von Erschöpfung keine Spur mehr, auch meine volle Blase schien sich in Luft aufgelöst zu ha­ben. Ich benötigte alle Energie, um meine sieben Sinne zu aktivieren und alle Sensoren auf Alarm zu programmieren.Wieso hatte Philippe uns nichts davon erzählt, dass in diesem Waldstück Spinnen nisteten? Ich hatte zwar im Reiseführer gelesen, dass Wanderer auf La Réunion hin und wieder diesen Monstren begegnen würden, aber es gab hier auch Chamäle­ons und andere seltene Tiere, die wir noch nicht zu Gesicht bekommen hatten.Wollte uns Philippe wieder prüfen und unsere Reaktion testen? Ich nahm schließlich allen meinen Mut zusammen und schlug mich tapfer durch das Dickicht, war jedoch mehr als erleichtert, als sich die Vegetation änderte und wir die Brutstätte des Horrors hinter uns ließen. Fast schien mir mein soeben Erlebtes im wieder gleißenden Sonnenlicht unwirklich und phantastisch, wie einem Harry Potter Video entsprungen. Doch mein nass geschwitztes T’shirt und die Spuren meiner fest in die Hand gepressten Fingernägel erinnerten mich nur zu deutlich daran.

Und immer noch sprang Philippe munter plappernd vor uns her. Wie ich aus seinen Erzählun­gen vernahm, war er wohl arbeitslos und hatte deshalb Zeit, mitten in der Woche ahnungslose Wanderer durch Horrorwälder zu führen. Vielleicht machte ihm das Spaß, zart besaitete Tou­ristinnen zu erschrecken. Und wieder kamen beängstigende Gedanken in mir hoch, was uns am Ende des Pfades erwarten würde.Wir hatten schon einige Horrorgeschichten über die In­sel gehört. Wegen der hohen Arbeitslosenquote von über 20 Prozent war die Kriminalitätsrate sehr hoch. Allein für einen gut gefüllten Rucksack wurde hin und wieder ein Auto aufgebrochen. Überhaupt hatte man Glück, wenn man sein Mietauto an einer einsamen Parkbucht noch vor­fand, wenn man zurückkam. Auch waren einige Inselbewohner der wunderschönen, aber sehr gefährlichen Trompetenblume verfallen, die ift zwar in das Drogendelirium hinein, aber nie wieder hinausführte.Wir hatten in der Zeitung gelesen, dass ein Rentnerehepaar ganz in der Nähe unseres Hotels mit Schlafmittel im Trinkwasser betäubt wurde, damit nachts das ganze Haus ausgeräumt werden konnte.

„Erzähl’ Philippe nicht soviel.“, ermahnte mich mein Mann, „Er braucht nicht zu wissen, dass wir beide Großverdiener sind.“

Doch diese Vor­sichtsmaßnahme hatte ich schon selbst ergriffen, indem ich ihm nach der Frage unseres Beru­fes wahrheitsgetreu „Verkäufer“ genannt hatte. Allerdings hatte ich ihm verschwiegen, dass wir für unterschiedliche Großkonzerne auf der ganzen Welt unterwegs waren, um Produkte an den Mann zu bringen und Akquisitionen zu tätigen.Ich traute mich nicht einmal, unsere teure Kamera aus dem Rucksack zu holen, um ja nicht aufzufallen. Und zum wiederholten Male fragte ich mich, wieso uns Philippe diesen Pfad hinaufführte. Warteten oben seine Kumpane, die uns mit gezücktem Messer unserer Rucksäcke und teuren Wanderkleidung entledigen würden? Hatte er es auf unser Mietauto abgesehen? Erhoffte er sich, dass wir Bargeld dabei hatten?

Nur noch wenige Schritte und ich würde Gewissheit haben. Der Wald begann sich zu lichten, Philippes Grinsen wurde breiter und mein Mann und ich schauten uns unsicher an. Jede Faser unserer Muskeln war zum Zerreißen gespannt. Schließlich reichte mir Philippe ein letztes Mal seine Hand und zog mich auf ein Felsplateau in Schwindel erregender Höhe. Und dann stockte mir der Atem abermals:Keine zwei Schritte vor mir stürzte der Wasserfall 100 Meter in die Tiefe mit einem ohrenbetäubenden Getose. Vorsichtig zog sich mein Mann ne­ben mich auf das Plateau und wir sahen mit respektvollem Abstand hinunter in die bereits durchwanderte Schlucht. Der Anblick war überwältigend, einfach phantastisch.

Vergessen die Strapazen der Kletterei, fast vergessen selbst der Schrecken der Riesenspinnen und alle Vor­behalte gegen Philippe ließ ich innerhalb einer Sekunde bedenkenlos fallen.

„Vielen Dank, dass du uns hier hochgebracht hast“, schrie ich gegen das Tosen des Wasserfalls an. Er lä­chelte uns freudig an und nach einigen Minuten in selbstvergessenem Bestaunen des Natur­schauspiels zeigte er uns einen gut ausgebauten Weg, der uns wieder ins Dorf zurückführen sollte und verschwand.

Einfach so!

Dies ist eine der Geschichten, die in der Zeitschrift "Kurzgeschichten" veröffentlicht wurde.

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Tödliches Licht

Trista hetzte durch die dunklen Erd¬gänge in einer Jagd auf Leben und Tod. Ihre Verfolger waren ihr dicht auf der Spur. Da es im Reich der Erdwesen keine Karten gab, musste sie sich auf ihren Orientierungssinn verlassen. Tristas blassblaue Augen, die im Tageslicht blind waren, sahen im Dunkeln hervorragend. Gleich gelangte sie am Ende dieses Gangs an und musste sich entscheiden. Wollte sie sich für immer in einem Erdloch verstecken, um den Häschern des Kö¬nigs, ihres eigenen Vaters, zu entkommen, oder wagte sie den gefährlichen Schritt ins Licht, an die Erdoberfläche? Man beschuldigte sie, ihren Bruder, den nichtsnutzigen Prinzen Obscuro getötet zu haben, weil sie nach dessen Tod Anspruch auf den Thron hatte. Als ob sie darauf aus wäre! Ihr Bruder war einen grausamen Tod ge-storben, aber sie hatte nichts damit zu tun. Er wurde mit einem seltenen Lichtschwert ge-blendet. Jenes Schwert strahlte, sobald man es aus der Scheide zog, ein Licht aus, das doppelt so hell wie die Sonne schien. Erdwesen ertrugen kein Licht und ihre Augen er-blindeten unter fürchterlichen Schmerzen. Auch ihre Haut verbrannte in Sekundenschnelle. Wenn dieser Schmerz nicht bereits todbringend war, dann musste man das Schwert tief ins Herz des Gegners versenken, um seinen Körper von innen mit dem Licht zu versengen. Genau dies war ihrem Bruder geschehen.
Für einen Moment hielt Trista inne und lauschte in die Dunkelheit. Von den Ver¬folgern war nichts mehr zu hören. Eigentlich war ihre Entscheidung schon längst gefallen: sie war neugierig auf die Welt der Menschen. Ihre Großmutter hatte ihr oft genug davon erzählt. Von ihr hatte sie vor ihrem Tod auch ein wertvolles Bündel mit Hilfsmitten erhalten, um im Licht überleben zu können. Vorsichtig tastete sie sich mit verbun¬denen Augen bis ans Ende des Tunnels. Hier gab es einen gehei¬men, nicht bewachten Ausgang aus der Welt der Erdwesen. Ihre scharfen Krallen halfen ihr dabei auf dem Weg, der steil nach oben führte, nicht abzurut¬schen. Mit klopfendem Herzen stieß sie die Luke auf und roch modrigen Waldgeruch. Hierher würden ihre Häscher ihr nicht folgen können. Sie war erst einmal in Sicherheit und ihr Abenteuer begann.
Trista verbrachte einige Tage im Wald, um sich langsam an das Licht zu gewöhnen. Die ersten Sonnenstrahlen schmerz¬ten, aber die Paste auf ihrer Haut schützte sie gut. Schließ-lich legte sie auch das letzte Stück Mull ab. Was sie dann sah, verschlug ihr die Sprache. Ihre Großmutter hatte nicht fantasiert, die Welt hier war wunderschön - und das Beste: sie konnte darin überleben. Sie hatte bereits gelernt, ihre Krallen einzuziehen, aufrecht zu gehen und sah auf den ersten Blick aus, wie ein ge¬wöhnliches Menschenmädchen. Die Bilder vor ihren Augen mach¬ten sie trunken vor Glück, und so wurde sie unvorsichtig.
Eines Tages rannte sie voll Übermut durch die Wälder und stieß dabei mit einem dunkel gekleideten Wesen zusammen. Der Schreck fuhr in alle Glieder. Sie hatte von marodieren-den Räuberbanden und mordenden Amazonen gehört, die durch die Wälder streiften und versuchte mit aller Kraft, den Gegner von sich zu stoßen. Doch dieser wehrte sich mit er-staun¬licher Geschicklichkeit und so rollten sie über den weichen Waldboden, kratzten und bissen sich, ohne voneinan¬der zu lassen. Schließlich gaben beide gleichzeitig auf. Trista sah das schwarzhaarige Mädchen erstaunt an. „Bist du allein unterwegs?“, fragte sie.
„So kann man es nennen“, antwortete das Mädchen, die etwa gleich alt war wie sie und die sie ebenfalls musterte. „Mein Vater will mich mit einem Trottel vermählen, da habe ich mich aus dem Staub gemacht. Und du?“
Trista fand das Mädchen sympathisch, aber sie blieb vorsichtig: „Ich bin vor meinem Vater auf der Flucht. Er verdächtigt mich, meinen Bruder getötet zu haben.“
„Und, hast du?“
„Natürlich nicht!“, empörte sich Trista.
Da sie nun beide das Geheimnis der anderen kannten, beschlossen Trista und Alegra, zu-sammen weiterzuziehen, doch so war es vorherzusehen, dass Tristas Tarnung ir¬gendwann auffliegen würde. Als sie auf der Flucht vor einer Räuber¬bande mit ausgefahrenen Krallen in eine Hecke sprang, erkannte Alegra was sie war und reagierte zunächst sprachlos. Sie hatte bisher immer geglaubt, dass Erdwe¬sen nur in Sagen existierten, doch jetzt wollte sie Tristas Heimat unbedingt kennenlernen.
„Ich werde in meinem Reich als Mörderin ge¬sucht. Das ist nicht der beste Zeitpunkt für eine Besichtigung.“
Aber Alegra ließ nicht locker. „Ich bin eine Meisterin im Verkleiden und kenne viele Ge-heimnisse der Kräuterwelt.“
Da Tristas Neugierde stärker war, ließ sie sich von Alegra mit Hilfe ihrer Pasten und Tink-turen verändern. Im Gegenzug musste Alegra das Springen auf allen Vieren üben. „Wir geben dich als Halbling aus, dann weiß jeder, dass du im Dunkeln nichts sehen kannst“, sagte Trista.
„Was ist ein Halbling?“
„Ein Halbling ist ein Kind, das aus einer Verbindung eines Erdwesens und eines Menschen her¬vorgeht. Das kommt vor. Wir Erdwesen beschäftigen Menschen als Quacksalber und für andere Dienste.“
Irgendwann offenbarte Trista ihr den kompletten Plan. „Du musst dich am Königshof meines Vaters als Kräuterfrau vorstel¬len“, sagte sie. Jetzt erst erfuhr Alegra von Tristas königlicher Abstammung. Sie gab sich überrascht, doch noch ehe sie etwas erwidern konnte, rief Trista: „Dein Na¬cken leuchtet ja blau im Dunkeln!“
Alegra griff un¬ter ihre langen Haare. „Hast du noch nie etwas vom Liliengeschlecht ge-hört?“
Sie zeigte Trista eine blaue Tätowierung in Form einer Lilie auf ihrem Nacken. Alegras Vater war demnach der König des Menschen-Reiches, denn seine Nachkommen trugen seit der Geburt eben diese Tätowierung. Man konnte sie nicht entfernen. Alegra trug zur Tarnung immer wie¬der eine Kräuterpaste auf. Dass ihre beiden Väter verfeindet waren, machte ihren Aufenthalt im Erdreich umso gefährlicher.
Die Mädchen schlichen sich nachts zum Haus von Tristas ein¬ziger Vertrauten, ihrer Amme, die ihnen hoffentlich half. Tat¬sächlich besorgte sie Alegra kurze Zeit später Arbeit als Kräuterfrau am Königshof. Hier belauschte Alegra eines Tages zufällig ein Gespräch zwi-schen Hufschmied und Küfner und erfuhr dabei, dass Obscuro beim Würfelspiel im ver-steckten Hinterzimmer der Spelunke „Zur alten Funzel“ viel Gold verloren hatte und seine Spielschulden nicht mehr bezahlen konnte. Alegra merkte sich, wie man dort Einlass er-hielt.
Da es Frauen im Reich der Erdwesen nicht gestattet war, Schankhäuser zu betreten, ver-kleideten sie sich als Männer. Punkt Mitternacht stand Alegra mit klopfendem Herzen vor besagter Tür und gab die vereinbarten Klopfzeichen. Trista versteckte sich derweil im Schankraum – ihre Tarnung hätte zu leicht auffliegen können. „Ich will mein Geld zurück-er¬spielen“, brummte Alegra, als man ihr Einlass gewährte. Das Hinterzimmer war vernebelt vom Kaminfeuer. Die meisten Männer waren zu dieser Stunde bereits betrunken und konnten sich nur noch mit Mühe auf den Holzbänken halten. Alegra gesellte sich an einen Tisch, an dem besonders laut und hitzig diskutiert wurde. „Hey, rutscht mal zusammen“, sagte sie mit dunkler Stimme. „Wer bist du denn, Grüngesicht?“, grölte ein Mann ihr ent-gegen. „Vor einigen Wochen habe ich in einer an¬deren Spelunke Obscuro sein gesamtes Gold abgenommen“, konterte Alegra. Auf einmal schie¬nen alle hellwach, als der Name Obsuro fiel. „Über Tote soll man nicht lästern“, nuschelte einer der Tischgesellen. „Tote?“, fragte Alegra überrascht, „habe ich in meiner Abwesen¬heit etwas verpasst?“ Jetzt stritten die Anwesenden darüber, bei wem Obscuro mehr verloren hatte und immer wieder stießen sie ihre Trinkbecher zusammen. Ein besonders finsterer Ge¬selle mit wirrem langem Haar rief irgendwann: „Aber keinem hat Obs¬curo so viel Gold geschuldet wie mir. Sein Pech nur, dass er es nicht zurückzahlen konnte. Und das Lichtschwert habe ich einem fahrenden Händler abge¬knöpft.“ Grölend klopfte er sich auf die Schenkel. „Alle Achtung, du hast es gewagt, ihn umzubringen?“, fragte Alegra nach. „Das war ein Vergnügen, sag‘ ich euch. Wie der win¬selnd um Gnade gefleht hat!“
Inzwi¬schen war die Tischrunde außer Kontrolle geraten. Zwei Kum¬pane gingen aufeinan-der los. Einer schlug daneben und seine derbe Hand landete direkt auf Alegras Brust. Trotz seiner Trunkenheit stutzte er und sah Alegra fragend an. Er riss ihr die Mütze herunter und ihre langen Haare quollen hervor. Alle starrten sie an. „Das ist ja ein Weibsbild, sie hat uns hinters Licht geführt.“
Noch bevor Alegra etwas erwidern konnte, wurde die Tür aufgestoßen und die Sittengen-darmerie kam hereingestürmt. In Windeseile verschwanden die Würfelbecher in Hosen- und Manteltaschen. „Da, ein Weibsbild!“, riefen die Zech¬brüder, um von ihrem verbotenen Spiel abzulenken. Mit festem Griff wurde Alegra als Erste festgenommen. „Die hat den Königs¬sohn umgebracht“, rief einer ihr hinterher. Alegra aber deutete auf seinen Zechkumpanen, der sich gerade aus dem Staub machen wollte. „DAS ist Obscuros Mör-der. Ich war nur hier, ihn zu ent¬larven.“ Doch die Wachen, die die gesamte Meute in Ge-wahrsam nahmen, hörten nicht auf sie.
Trista konnte draußen vor der Schankstube nur hilflos zusehen, wie ihre Freundin abge-führt wurde. Zu ihrem größten Schreck versuchte ein finsterer Geselle die Wache davon zu überzeugen, sich mit dem Weib zu vergnügen und es dann in den Kerker zu werfen, wo es seiner gerechten Strafe als Mörderin harren sollte. Was war nur schief gelaufen, dass man  jetzt Alegra des Mordes verdäch¬tigte? Als sich die Menge auflöste, rannte Trista zum Haus ihrer Amme. „Schnell, Trista!“, rief ihr diese entgegen. „Du musst zum alten Ge-richtshof. Man will mit den Schurken kurzen Prozess machen. Auch deine Kameradin haben sie aufge¬griffen. Sie hat allerdings vom Recht Gebrauch gemacht, den König per-sönlich um Gnade zu bitten.“
„Es ist alles meine Schuld!“, jammerte Trista und rannte los. Als sie sich endlich bis zum Gerichtshof durchgeschlagen hatte, blieb ihr vor Schreck der Atem weg. Oben am Galgen baumelte eine in derbe Leinensäcke gehüllte Ge¬stalt an einem Seil, offensichtlich leblos, mit langen schwarzen Haaren. Sie war zu spät gekommen, man hatte Alegra be¬reits durch den Strang hingerichtet. Das war die Strafe, die man Mördern zukommen ließ. Verzweifelt warf sie sich auf den Boden. „Was hab‘ ich nur getan?“, schrie sie immer wieder, bis ihr jemand die Hand auflegte.
Mit tränenver¬quollenen Augen sah Trista in Alegras Gesicht. Und hinter ihr stand der Kö-nig, ihr Vater. „Trista, ich muss mich bei dir entschuldigen“, sagte er. „Alegra hat uns den wahren Mörder zugeführt.“
Er lud Alegra als Gast bei sich ein, doch sie lehnte dankend ab. „Ich habe ebenfalls noch etwas mit meinem Vater zu klären, im Menschenreich. Sie umarmte Trista und schritt durch die ihr zujubelnde Menge davon. Der König reichte seiner Tochter versöhnlich die Hand. Diese jedoch schüttelte nur traurig den Kopf. „Es tut mir leid, Vater, aber ich muss meiner Freundin hel¬fen.“ Und mit diesen Worten rannte sie  Alegra hinterher. Der König verstand die Welt nicht mehr. Doch, kurz bevor Trista aus seinem Blickwinkel ver-schwand, sah er durch ihre Haare hindurch ihr blaues Liliensymbol aufleuchten.
Dann schloss sich die Men¬schengasse wieder.

Diese Kurzgeschichte wurde in der Anthologie "Krimis aus der Hexenküche" veröffentlicht. 

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